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Im Spiegel der Zeitungsinserate

Zwei Zeitungen erschienen vor dem Brande in Glarus, die Glarner Zeitung und die Neue Glarner Zeitung. Die Druckereien beider waren abgebrannt, und die Glarner Zeitung stellte ihr Erscheinen ein. Für die andere aber sprang die Druckerei des Dichters Jakob Vogel unverzüglich in die Lücke. Schon Montag, 13. Mai erschien wieder eine Nummer. Sie enthielt ein einziges Inserat, das mitteilte, dass die Bank in Glarus ihr Büro zur Fortsetzung der gewohnten Geschäfte in das Haus von Appellationsrichter Kaspar Becker-Züblin in Ennenda verlegt habe. Die nächste Nummer vom 16. Mai brachte einen Aufruf, wonach alle Personen, die im Besitze von Gegenständen seien, die ihnen nicht eigentümlich zugehörten, aufgefordert wurden, sie nachmittags ein Uhr in die Schulstube von Lehrer feldmann zu bringen, mit der Androhung, dass das Zurückbehalten als Unterschlagung angesehen und kriminalgerichtlich geahndet werde. In der gleichen Nummer wird bekannt gemacht, dass alle diejenigen, welche Baracken zu errichten wünschten, ihre Meldung bis Freitag, 17. Mai abends abzugeben hätten, ebenso, dass Handwerker durch Vermittlung des Gemeinderates Werkzeuge erhalten könnten.
Bereits erscheinen die ersten privaten Inserate,. Vor allem orientieren sie, wo Geschäftsleute ihren Sitz haben, und wochenlang finden sich solche Mitteilungen nun in allen Nummern. So meldet z. B. Rudolf Luchsinger, dass sich sein Brod- und Mehlverkauf bei seinem Schwager H. Brunner auf Erlen befinde, woselbst auch der Fleischverkauf von Metzger Kaspar Brunner statthabe. Cosmos Freuler-Pfister hat seinen Laden ins Haus von Matheus Schuler im Kirchweg verlegt. Martin Michel, Kappenmacher, wurde vom Brande nicht betroffen. Er hat sein Verkaufslokal in Kappen, Hüten, Bandagen etc. etc., ebenso sein bestes assortiertes Lager in Betten, Bettfedern und Bettbarchent wie bisher in seiner Wohnung auf der Abläsch. J. Tschudi, Wirt zu den drei Eidgenossen, teilt mit, dass er seine Wirtschaft unter dem gleichen Namen im Hause seines Schwiegervaters im Kirchweg eröffnet habe, und daselbst gutes Bier und Kaffee zu erhalten sei. Barbara Hösli und Rosa Müller empfehlen sich dem tit. Publikum als Hebammen, Schröpferinnen und Aderlasserinnen.
Sehr zahlreich sind die Inserate, in denen verloren gegangene Gegenstände gesucht werden. So vermisst Buchbinder Schmid seit der traurigen Unglücksnacht seine Rechenbücher, eine Chaotoulle mit 600 Fr. in Gold, eine goldene, breitblättrige Damenkette, Ohrgehänge, vier goldene Fingeringe, eine silberne Tabaksdose, zwei seidene Regenschirme nebst Wertschriften, alles in einer Komodtrucke auf den neuen Friedhof gestellt. Der redliche Inhaber dieser Gegenstände wird um getreue Rückgabe gebeten. Karl Stief, Buchbindergehilfe, sucht ein kleines Kistchen mit Kleidungsstücken, das er aus dem obern Stock hinunter geworfen hat, das aber vor seinen Augen in Stücke zersprang, aber gleich zusammengerafft wurde. J. P. Schlittler, Güterschaffner, sind von seinem Brückenwagen zwei aus Pferdedecken gemachte Bündel mit Effekten, darunter leinene, seidene und baumwollene Nastücher, Socken, Gilets, sowie eine Ansicht von Neapel nebst Beschreibung abhanden gekommen. Einer meldet den Verlust Kanapeekissens, das für den Eigentümer mit Rücksicht auf dessen Erwerbsart ein besonderes Interesse hat. Der jetzige Besitzer wird gebeten, solches gegen Trinkgeld in der Vogel`schen Buchhandlung zu bestellen. Ein anderer vermisst einen Kübel Anken, der noch am Samstag am Linthbord gelegen hat. Dem Fridolin Streiff auf der Allmeind ist in der Brandnacht ein schwarzer Geissmutsch entlaufen. Spenglermeister Jenny fahndet seit dem Brande nach einer türkischroten Bettdecke, einer Flanelldecke, einer goldenen Damenuhr mit Kette, einem blauen Käfig mit einem Kanarienvogel, sowie nach Bettzeug und Frauenkleidern. Witwe Elmer kam in der Unglücksnacht ein schwarzer, grosser Koffer mit gelbem Schild abhanden, welcher beim Gemeindehaus abgestellt und nicht mehr gefunden wurde. Dem Entdecker wird ein Trinkgeld von 20 Fr. und Verschwiegenheit seines Namens in Aussicht gestellt. Frau Chorrichter Schindler-Elmer verspricht gar demjenigen, der ihr ein Bündel schönen Gefieders für ein zweischläfriges Bett wieder verschafft, 40 Fr. Belohnung. Ohne Zweifel wurde in der Brandnacht manches zu Unrecht zuhanden genommen, vielleicht aber gelegentlich auch einer unrecht verdächtigt. Der Asylinsasse Johannes Hösli liess folgende Erklärung erscheinen: "Ich habe in der Unglücksnacht als armer Mann das Mögliche getan, im Hause von Herrn Landammann Dr. Heer meinen Liebesdienst zu erweisen. Dafür verhöhnt mich Herr Pfarrer Becker in Linthal in seiner Korrespondenz in den Basler Nachrichten und traktiert mich als Ochs, liederliches Subjekt usw. Ich überlasse es dem Publikum, ein solches Auftreten eines Geistlichen zu würdigen."
Im August werden die Inserate, die direkt mit dem Brand im Zusammenhang stehen, immer seltener, und im September finden sich fast keine mehr. Das Leben ist wieder in Gang gekommen, und einheimische und auswärtige Händler offerieren ihre Waren in reicher Auswahl. So empfehlen Kaspar Jennys Söhne zum Sollerbogen, nachdem sie das neu erbaute Geschäftslokal, Bude Nr. 1 zunächst der Eisenbahnstation bezogen haben, Tabak, Spezereien, Kerzen, Lampenöl, Seife, Butter, Stoffe und Schuhe, und F. Luchsinger, Apotheker, teilt mit, dass bei ihm Häringe, Sardellen, Kapern und Sardinen zu gefälliger Abnahme zu haben seien. J. Stähli