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Sitten und festliches Brauchtum

Vorschriften über das sittliche Leben begegnen uns sehr früh. Schon das Alte Landsbuch, dessen Aufzeichnungen von 1448 an einsetzten, enthielt z. B. eine Bestimmung über das Kartenspiel, das am Vorabend von Sonn- und Heiligtagen oder während des Wetterläutens untersagt war. 1542 wurde das Gotteslästern, 1554 der Ehebruch, 1557 das Praktizieren, d. h. die Bewerbung um ein Amt mit unlautern Mitteln, unter schwere Strafe gestellt. Seit dem 17. Jahrundert mehrten sich die jeweils in Landesmandaten zusammengefassten und im sonntäglichen Gottesdienst zur Verlesung gebrachten Bestimmungen aller Art, die öfters auch auf Beschlüssen der Synode oder der dörflichen Stillstände beruhten. Das Landesmandat von 1664 verbot alle Spiele um Geld, als da waren "kegel-, Kartenspiel, Platten, Schiessen, Grad und Ungrad, Helmliziehen, Bimenzelten-Abschlagen, Genslispiel", sowie das Tanzen bei fünf Pfund Busse. 1704 wurde das Kegelspiel als solches den jungen Leuten nur auf der Pressi, 1759 nur auf dem Spielhof und am Spitalplatz gestattet. Das Mandat von 1664 stand im Zeichen eines eben verspürten Erdbebens, das als Gottes Mahnung betrachtet wurde, Landammann und Rat richteten an die Bevölkerung die Mahnung zur wahren Gottesfurcht, warnten vor Missbrauch des Namens Gottes bei Schwören, Fluchen, verboten das leichtfertige Tanzen und Springen besonders am Sabbath, ausgenommen an der Kirchweih. Um dem Verbot vermehrten Nachdruck zu verschaffen, wurde sogar das Saitenspiel der Spielleute mit Gefängnis geahndet.Die Krämer sollten weder Würfel noch Spielkarten verkaufen dürfen. Die Polizeistunde wurde im Winter auf 9 und im Sommer auf 10 Uhr abends festgesetzt. Wer beim Steinewerfen gegen Türen und Fenster erwischt wurde, sollte als ein Mörder (!) bestraft werden; würde ein Täter durch den Geschädigten getötet, so sollte der Tote den Fehler wohl gebüsst und bezahlt haben"! In das gleiche Kapitel gehören die immer sich wiederholenden Vorschriften über den Aufwand bei Essen und Trinken und für Kleider, Knechte und Mägde durften 1664 am Sonntagskleid weder Gürtel noch Spitzen tragen. 1726 erregte die "Ungleichheit der Kleidung im Gottesdienst und beim Abendmahl Missfallen und Aergernis", ebenso die leidige Tatsache, "dass im Lande bald keine Braut mehr vorhanden, die nicht schon schwanger wäre", wobei dieser Zustand durch neumodische Kleidung oder durch auswärtige Trauung zu verbergen versucht werde. Im Jahre 1779 legte die Landsgemeinde sowohl auf hohe Kopfhauben als auch auf das Halten von Kutschen eine Steuer. In den Zürcher "Monatlichen Nachrichten" wurde dieser Beschluss kritisiert; so gut er an sich gemeint sei, so biete er doch keinen Damm gegen Eitelkeit und Luxus, "weil er dadurch dem Stolz der Reichen Nahrung gebe, die damit die natürliche und in den Freistaaten notwendige Gleichheit aufheben und gewissen Leuten das Vorrecht einräume, sich vor den Armen auszuzeichnen und Gegenstand des Neides zu werden". Pfarrer Christopf Trümpi, Verfasser der "Neuen Glarner Chronick" von 1774, beanstandete die Einfuhr von Schnupf- und Rauchtabak sowie von Kaffee, die durch Huflattich, erdäpfelkraut und Wegerich sehr wohl im Lande gewonnen werden könnten! Im selben Jahr versuchte ein neues Sittenmandat "den einreissenden Strom des Verderbens zu steuern, auf dass nicht Gott mit seiner väterlichen Langmut gegen unser Vaterland aufhöre und uns zugrunde richte". 1780 meinte aber Trümpi in den handschriftlichen Zusätzen zu seiner Chronik: "Die jetzt aufkommenden Pelzröcke, obschon sie kostbar sind, sehe ich nicht ungern. Sie sind unserm rauen, kalten Bergland angemessen, der Gesundheit zuträglich und kein eitler Staat." Pfarrer Dr. theol. H. c. Ernst Buss von Glarus hat es unternommen, im Jahre 1900 im "Schweizerischen Archiv für Volkskunde" eine Schilderung der religiösen und weltliche Festgebräuche im Kanton zu entwerfen. Wertvolle Ergänzungen zum selben Thema hat der fühere Zeugwart Fritz Böckle im "Korrespondenzblatt" derselben Gesellschaft 1953 unter dem Titel "Das festliche Brauchtum im alten Glarus" veröffentlicht. Es sei an dieser Stelle ein kurzer Rückblick eingeschaltet. Das Brauchtum hat sich, wie anderswo, beim katholischen Volksteil am längsten erhalten. Böckle durfte vor allem aus den Erzählungen seines mütterlichen grossvaters, Fridolin Jakober, im Winkel, schöpfen. In der Neujahrsnacht sang dieser zusammen mit Sigrist Franz Dürst in den Strassen von Glarus folgende Verse: "Stühnd uf im Name Herr Jesu Christ, Das alte Jahr vergange ischt. Jetzt träted mir ids nüi Jahr. Behüet üs Gott vor aller Gfahr. Vor Für und Wasser und vor Not Behüet üs, o trüer Gott! Vil Glügg und Säge und vil Heil, Das himmlisch Riich wärd üs zu teil! D`Glogge hät zwölfi gschlage." Der Sylvesterschmaus bestand aus "Schwinis und Linis", d. h. aus geräuchertem Schweine- und Rindfleisch, das Neujahrsessen brachte bei reich und arm Kalberwürste, Kartoffelstock und gedörrte Zwetschgen auf den Tisch, weil einstmals die Metzger den Familien je nach Jahresumsatz solche Würste als "Gutjahr" schenkten. 1900 verbot der Gemeinderat das Maskentreiben am Altjahrsabend und am Neujahr. Hohe Wellen warf in früherer Zeit die Winterkirchweih, der erste Sonntag nach dem Namenstag des Glarner Kirchenpatrons Hilarius (13. Januar). Noch heute begehen die Katholiken den 6. März als Tag des zweiten Kirchenpatrons Fridolin; er ist für sie gebotener Feiertag. Bis zum Brand von 1861 fand bei diesem Anlass aus allen katholischen Pfarreien des Landes eine Prozession mit Kreuz und Fahnen zur Mutterkirche statt. An grössere, durch den Carnevalverein Glarus veranstaltete kostümierte Umzüge seit der Mitte des letzten Jahrhunderts erinnern noch heute Lithographien; jene der Ennendaner aus den zwanziger Jahren unseres Säkulums, die auch nach Glarus führten, stehen noch in lebhafter Erinnerung. Nicht mehr erhalten haben sich auch die mutwilligen Streiche der Jugend am Aschermittwoch, die Böckle überliefert. Er weiss auch zu erzählen, dass am Karfreitag und Karsamstag statt der Glocken eine auf dem Turm der alten Kirche befestigte Rätsche mit Ihrem Lärm zum Gottesdienst gerufen habe. Die Erinnerungsfeier an die Schlacht bei Näfels, die Fahrt, sowie die Landsgemeinde, beides Höhepunkte im festlichen Leben des ganzen Volkes, zu beschreiben, erübrigt sich, weil wir sie heute noch jeden Frühling miterleben. Bis in die 1880er Jahre zog Katholisch Glarus nach einem Gelöbnis aus der Pestzeit nach der 1512 errichteten spätgotischen Kapelle des heiligen Sebastian, des Pestpatrons, bei Schänis, wie dies in unserer Zeit noch von Näfels aus geschieht. Mit dem ersten Weltkriegsjahr 1914 ging der alte Brauch ein, jeweils am Vorabend und am Fronleichnamstag selbst sowie an Maria Himmelfahrt mit Mörsern von der Burg und später, nach Eröffnung des Kantonsspitals, vom Gut Brüni am Bergli zu schiessen. Die jährliche Bundesfeier ist erst 1899 allgemein eingeführt worden. Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts dauerte die Sommerkirchweih vom ersten Sonntag nach Maria Himmelfahrt nicht weniger als vier Tage, wobei Tanz und Spiel in den verschiedenen Quartieren durch die mit Blumen und farbigen Bändern geschmückten Spielmeister und Spielbuben organisiert wurden. Noch lebt ein Teil des alten Brauchtums fort, das der St. Nikolaustag (6. Dezember) seit urdenklichen Zeiten mit sich brachte. In Wegfall gekommen sind einzig die von der Jugend in der Umgebung des Ortes zusammengetragenen Feuer, nicht aber das Schellengeläute und die Hornstösse. Am Umzug der gesamten Jugend flammen immer wieder die Fackeln und leuchten die Lampions; grössere Jugendliche tragen kunstvolle selbstverfertigte "Ifelen" mit Kerzenlicht über dem Kopf, die kirchlichem Brauchtum entnommenen Infulen. Der Klaustag war einst an Stelle des bis über die Mitte des letzten Jahrhunderts nur als kirchlicher Feiertag begangenen Weihnachtsfestes der eigentliche Gschenktag für jung und alt. Längst sind die langen Reihen des Marktstände verschwunden, an denen an diesem Tag nützliche Gebrauchsgegenstände und Süssigkeiten feilgehalten wurden. Auch die alte Sitte der Schweinsmetzgeten und das Backen von Körben voll duftenden Birnbrotes sind, wie die frühern Nidelabende, fast gänzlich aus dem Kurs gekommen. Aelpler- und Hirtenfeste haben von jeher im Glarnerland nur schwache spuren hinterlassen. Am ehesten hängen noch die eigentlichen Familienanlässe wie Taufe und Hochzeit und auch Begräbnis an der Form vergangener Zeiten, auch wenn "Bratenrock" und Zylinder nicht mehr Männermode sind. Aus Jakob Winteler, "Glarus, Geschichte eures ländlichen Hauptortes" Verlag Tschudi & Co., Glarus