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Glarus während dem Brand

Von Dr. Niklaus Tschudi, Gemeindepräsident
Der Brandausbruch
Den ganzen Nachmittag über wehte der Föhn bald stärker, bald schwächer, doch so, dass schon gegen Abend die Luft aller Feuchtigkeit beraubt war und Bäume und Pflanzen jenes eigenthümliche erschöpfte Aussehen annahmen. Mit Einbruch der Nacht schlug er in einen eigentlichen Föhnsturm um, der mit gewohntem wildem, ununterbrochenem Geheule das Thal und die Berge durchraste. Mancher besorgte Hausvater, manche ängstliche Hausfrau, hatte noch vor Schlafengehen sorgsam alle Räume der Wohnungen durchforscht, ob ja kein Funke von Feuer und Licht mehr glimme und dadurch zum Verderben der Menschen werden könnte. Auch machten schon den ganzen Nachmittag die "Föhnenherren" ihre Patrouillen und mit 9 Uhr Abends war die gesetzlich vorgeschriebene Bürgerwacht in Dienst getreten. Doch diesen Abend sollte diese Sorgfalt, diese Fürsorge nichts helfen. In dem Beschlusse der unerforschlichen Gottheit war das Verderben von Glarus beschlossen. Eine schreckliche Katastrophe sollte über diese bis jetzt so glückliche Gemeinde und ihre Bewohner kommen. Durch Feuer sollte das so schöne gewerbstätige Glarus vernichtet werden. Es war bald 10 Uhr, die Grosszahl der Bewohner schon im Schlafe, die im Schützenhaussaale gegebene Theatervorstellung so eben beendigt und die Theilnehmer auf dem Heimwege, als von der Gegend des Landsgemeindeplatzes (Zaun) eine unheimliche Helle aufstieg und der beim Föhnwind doppelt fürchterliche Ruf: "Fürio" durch die Strassen und Gassen von Glarus dringend und immer dringender erscholl. Hart an der östlichen Seite des Landsgemeindeplatzes war ein aus Holz konstruiertes Oekonomiegebäude von Hrn. Rathshr. Christoph Tschudi in Brand gerathen.
Wenige Minuten vorher war die Bürgerwache durch den Zaun gezogen, zu gleicher Zeit waren auch mehrere Bewohner des Zauns theils auf der Strasse theils an den Fenstern, ohne die mindeste Spur von Feuer zu bemerken. Jetzt aber züngelte das Feuer durch alle Ritzen und Spalten des Gebäudes heraus und es bedurfte wenige Föhnstösse, so schlugen die Flammen auch lichterloh zum mit kleinen Schindeln bedeckten Dache heraus.
Verbreitung des Feuers
Kaum 10 Minuten nach der ersten Entdekkung des Feuers ertönte das Sturmgeläute vom Kirchenthurm und rasselten die ersten Spritzen auf die Brandstätte. Doch zu spät! Das Feuer hatte in dieser kurzen Zeit schon das nördlich anstossende, ebenfalls aus Holz bestehende und bedeckte Oekpnomiegebäude von J.M Schindler und die nordwestlich stehenden zusammengebauten Häuser des Felix Glarner und Peter Schmid ergriffen, von denen das erstere auch noch mit Schindeln gedeckt war. Auch die mit kleinen Schindeln eingerahmten Dachlichter der Martischen Apotheke fingen Feuer. Durch die Gewalt des Feuers losgerissen und durch die tobenden Stösse des Föhns hoch in die Luft gewirbelt, wurden nun in der Windrichtung eine Menge kleiner und grosser brennender Schindeln und anderer brennender Gegenstände als Sendboten des Feuer fortgeführt um dasselbe an Dutzend und Dutzend weiteren Orten zu entzünden. Diese Sendlinge des Verderbens fanden nur zu günstigen Boden, ihre höllische Mission zu erfüllen. Durch die letzten schönen Frühlingstage, durch den wehenden Föhn aber vorzüglich, waren die grossen und kleinen Schindeldächer und alle anderen brennbaren Gegenstände so ausgedörrt, dass der kleinste Funke hinreichte um die helle Flamme auflodern zu machen. Auf die oben bezeichneten brennenden Gebäude fing zuerst das hohe zunächst in der Windrichtung gelegene, leider auch mit kleinen Schindeln bedeckte Haus von Hrn. Oberst Schindler im Höfli Feuer. Wie Schlangen wanden sich die einzelnen Feuerstreifen durch die dürren, so leicht entzündbaren Schindeln, bis sie sich nach wenigen Augenblicken zu einer einzigen Feuermasse zusammengefunden hatten. Von diesem Dach aus verbreitete sich der Feuerregen mit neuer furchtbarer Heftigkeit auf die hinteren Gebäude. Sachkundige haben wiederholt versichert, dass wenn dieses Haus mit harter Dachung versehen gewesen, es der angestrengten Thätigkeit der Löschmannschafft gelungen wäre, den Brand auf die vier ersten Gebäude zu beschränken. In kürzester Zeit nach Entzündung des Höflihauses brannte es auf vielen Strassen auf den Dächern im Tiegel und an der westlichen Sandreihe, die längs dem nun abgetragenen Tschudirain gebaut war. Zu gleicher Zeit entzündeten sich auch die Häuser auf dem Rain, welche in der Lücke zwischen dem Tschudirain und dem jetzt noch stehenden sog. "Aeussern- oder Iselirain" stunden, namentlich brannte das grosse, kastellartige mit steilem hohen Schindeldache versehene, an der Seite des Tschudirains stehende Haus von Schreiner Michael Streiff mit seinen grossen Holzvorräthen hoch auf. Im nämlichen Zeitpunkt sprühten auch die Funken von dem auf der Höhe Tschudirains befindlichen Gartenpavillon und warfen Ihr umheimliches Licht auf die hinter dem Rain noch in Dunkel gehüllten Gebäude. Durch die eben bezeichnet Lücke zwischen den beiden Rainen, wo der Föhn jeweilen mit furchtbarer Gewalt die Luftwellen zusammendrängte und um den Tschudrain herum nach Norden, d.h. dem Bach und dem Spielhof zu peitschte, wurden nun durch diese Windesgewalt ganze Ströme Feuer in das enge und verworren durcheinander gebaute, noch viele Holzdachungen besitzende Bachquartier geworfen. Im Nu waren eine Menge Gebäude in demselben entzündet. Überall waren es zuerst die hohen steilen mit kleinen Schindeln bedeckten Dächer, welche das Feuerauffingen und sofort wieder weiter verbreiteten. Mit unglaublicher Schnelligkeit ist diese Ausdehnung und Verbreitung der Feuerbrunst erfolgt: Kaum eine halbe Stunde ist seit Ausbruch des Brandes verflossen und schon stehen wenigstens 150 Gebäude in Flammen.
Vom Bache her wälzte sich das Feuer weiter gegen die Kirche und den Spielhof. Bald nach 10 Uhr geriehten der schwarze Adler, zunächst der Kirche und durch ihn seine Umgebung der Hauptstrasse in Brand. Die Kirche selbst fing zu gleicher Zeit Feuer an ihren 2 Thürmchen, auf dem Chlor und der Kreuzkapelle, von wo aus es sich sofort dem Dachstuhle mittheilte. Schon vor 11 Uhr musste sich die Stürmermannschaft vor Hitze und Rauch verdrängt aus dem Thürme flüchten und es verstummte der der Hilferuf der neuen, so harmonisch schön klingenden Glocken. Der letzte Dienst, den sie nach kaum 2jährigem Bestande leisteten, war ein Nothschrei für das in Flammen aufgehende Glarus. In kurzer Zeit war ihr Erz tropfenweise in die ausgebrannten Räume des Thurmes geflossen. Um 1 Uhr Nachts war auch die Thurmuhr zerstört und der Zeiger auf dieser sinnreichen Zahl stehen geblieben. Mit der Kirche brach auch das Feuer in mehreren Häusern auf dem Spielhof aus und bald war derselbe ganz vom Feuer umwogt. Währenddem in nordwestlicher Richtung der Feuerstrom so furchtbare und schnelle Fortschritte machte, breitete sich das Feuer auch nach anderer Rich ung aus. Von den zu¬erst ergriffenen 2 Oekonomiegebäuden wur¬den die Flammen durch die wirbelförmigen Stöße des Föhns auch nach Osten gegen die nahe Häuserreihe an der Hauptstraße ge¬drängt und durch sie entzündet. Bald stund in dieser Richtung die aus 5 Häusern bestehende Kronenreihe und die 2 großen Häuser von Hrn. Rathshr. Christoph Tschudi und Frau Richter Dinner in Flammen. Durch diese Häu¬ser wurde über die Hauptstraße hinüber die jenseitige Reihe entzündet und dadurch dem Feuerheerd eine breitere Basis geschaffen, von welcher aus der Wind sofort neue Feuerströme durch die Hauptstrass nordwärts entsendete und das Verderben dorthin fortsetze. Nicht lang währte es, so war die ganze Reihe der Hauptstraße auf der Ostseite bis zum Oberdorferbache hinein entzündet. Auch die Westseite brannte an verschiedenen Stellen. Einzelne massive Häuser der Hauptstraße wie namentlich das Haus von Hrn. Alt Ratshr. Blumer, von Hrn. Hauptm. Studer, das Regierungsgebäude, das Zwickihaus, der Soolerbogen und das Haus von Hrn. Landammann Dr. Heer wehrten sich lange gegen die Flammen, aber Eines um das Andere musste nach und nach ebenfalls erliegen. Am längsten widerstand das Erstgenannte. In der Gegend des Adlerplatzes war es, wo sich die Feuerströme der Hauptstraße und der Sandgasse begegneten und wie wir später sehen werden, dadurch fährdeten. Beim Rössli und in der Meerengi durchkreuzten sich die Feuerströme der Hauptstraße, des Bachquartiers, der Kirche und des Schützenplatzes. Daselbst noch durch die Enge der Straße begünstigt wurde das Feuer zu einer Säule zusammengedrängt, die mehr als ein Menschenleben forderte. Von der Ostseite der Hauptstraße wälzte sich das Feuermeer gegen die Stallquartiere in der Gegend der innern Säge, des Spitals und des Schützenplatzes. Mit nie gesehener Vehemenz verbreitete sich das Feuer in diesen, ihm so reichliche Nahrung darbietenden Quartieren, wo nicht nur die Grosszahl der Gebäude aus Holz bestunden, sondern auch große Holzvorräthe enthielten. Unrettbar war dadurch das dazwischen liegende Häuserquartier der Bank und Umgebung verloren. Um 11 Uhr, also kaum eine Stunde nach dem Ausbruche des Brandes mochten 500 Firsten in Brand sich befinden.
Das Wüthen des Föhns hatte mittlerweile bedeutend nachgelassen und es schien einen Augenblick, dass derselbe in West und wie es dann gewöhnlich kommt, in Nordwind umschlagen wolle. Doch nach kurzer Zeit stellte sich der Föhn, zwar nur mäßig wehend, wieder ein. Der momentane Luftdruck von Westen her drückte die Feuersäule über den Schützenplatz hinüber gegen die Presse, so dass auch dort einzelne Gebäude Feuer fingen. In gleicher Weise wurde auch das Feuer von den äußeren her gegen den unteren Kirchweg, die sog. Aufhänge getrieben. Um diese Stunde war es auch als nördlich der Brandstätte 4 einzelne Ställe in Wiesen im Feuer aufgingen. Um 12 Uhr stunden auch, die Quartiere Winkel, Burg, Presse und Aufhänge in Flammen. Es war circa halb 1 Uhr, als der Verfasser dieser Zeilen von der Nordseite her die Burg bestieg und von da aus einen entsetzlichen fürchterlichen Ueberblick über das Ganze gewann. Vor ihm lag Glarus, seine liebe Vatergemeinde, ein Feuermeer bildend, dessen Wogen sich hoch mit füchterlichem Geprassel aufbäumten und den ganzen Thalkessel und die ihn umstehenden Berge und das ganz sichtbare Firmament mit einer unheimliches gespenstigen Helle so erleuchteten, dass auch die kleinsten und entferntesten Gegenstänä wie mitten im Tage gesehen werden konntet Nur wer diese fürchterliche Helle mit angesehen hat, kann begreifen, daß der Wieder schein davon bis über den Bodensee hinaus nach Stockach, Ravensburg und noch weiter dem Rhein hinab bis gegen Basel und nach Westen bis in die Berge von Neuenburg ge sehen werden konnte. Rings war die Burg von Feuer umflossen. Auf der Südseite leckten die Flammen von dem Gartenhaus in der Burghalde und dem Wirtshaus von Hrn. Karl Iseli bis an den Fuß der Kapelle. Auf der Ost¬seite brannte mitten in andern Gebäuden ein Haus lichterloh. Auf der Nordseite waren es die dortigen Mühlen, die einsam von Nieman¬den beachtet, niederbrannten und auf der Westseite sanken die früher so malerisch ge¬legenen Wohnungen in Trümmer und Asche zusammen. Und doch blieb die Kapelle und durch dieselbe gedeckt das dabei befindliche alte Pfrundhaus verschont. Durch das Pras¬seln der Flammen hindurch wurde Rotten-feuerartig das Knallen versprungener Schei¬ben und Ziegel und wie Kanonenschläge klei¬nere und größere Pulverexplosionen und wie Lawinendonner das Einstürzen der Gebäude'. von Zeit zu Zeit vernommen. Erschütternd war das Pfeifen der mit Windeseile daherbrausenden Eisenbahn, neue Hilfe und Spritzen bringend und der einsame melancholische Schlag der unausgesetzt arbeitenden zahlrei¬chen Spritzen längs dem Saum der Brand¬stätte, nur unterbrochen durch den Ruf Ihrer Kommandanten. Nicht minder ergeifend war auch der Anblick der vielen brennenden hölzernen Grabzeichen auf dem Friedhof, die wie von den Todten geschwungene Fackeln in die Grausesscene hineinleuchteten. Doch kehren wird zum Brand selbst zurück. Gegen 1 Uhr Morgens waren auch noch die letzten dem Feuer Widerstand leistenden Häuser an der Hauptstrasse und den anderen Brandquartieren den Flammen anheimgefallen. Es waren namentlich die früher genannten Häuser von Hrn. Rathshr. Blumer und Hrn. Lieut. Egyd. Trümpi, die lange noch allein den Flammen widerstanden hatten und denselben endlich ebenfalls erlagen. Auch nächst dem Gemeindehause entzündeten sich erst nach Mitternach die 2 grossen Häuser von Hrn. Joh. Tschudi sel. und Hrn. Spengler Jenni und mussten zuletzt ihrem Schicksal erliegen. Wunderbarer Weise wurden so zu sagenmitten in der Brandstätte der "Stampf" zwischen Schützenplatz und Pressi, und 4 Häuser und 2 Ställe im Bolen- und Bachquartier erhalten.
Zu dieser Zeit hatte sich in der Brandstätte das Flammenmeer zu mindern angefangen. Viele Gebäude waren schon ganz ausgebrannt, andere zusammengestürzt. Diese Abnahme schritt von Stunde zu Stunde rasch vorwärts, da das wüthende Element alle in seinen Bereich fallenden brennbaren Stoffe verzehrt hatte und es ihm an Nahrung zu mangeln anfing. Fünf Uhr Morgens konnten sich schon da und dort Einzelne bis mitten in die Brandstätte vordringen. Da jetzt die ganze Brandstätte, wo sie mit den äusseren noch stehen gebliebenen Quartieren und Gebäuden zusammenhing, von den 30-40 Spritzen und der so zahlreichen Hilfsmannschaft umstellt war, so konnte man den Brand in so weit als überwältigt ansehen, als das bis jetzt Erhaltene als gesichert betrachtet werde konnte. Dieses um so mehr, da auch gegen Morgen der -föhn eher noch ab- als zunahm. Am Anfang der Schilderung von der Ausbreitung des Brandes hatten wir namentlich die losgerissenen, vom Feuer emporgewirbelten und vom Föhn weiter getragenen Schindeln und andere brennende Gegenstände als Träger und Verbreiter des Brandes bezteichnet. Zu richtiger Würdigung dieses Umstandes muss hier die Thatsache erwähnt werden, dass solch angebrannte Schindelnstücke bis nach Riedern und Netstall massenweise getragen wurden und deshalb daselbst auf den Dächern Wache gehalten werden musste um die anfliegenden Glutstücke zu löschen. Das Gleiche war in vermehrtem Maasse auf den Ställen zwischen diesen Ortschaften nöthig. Nach dem Brande fand man in der Windrichtung bis auf eine Entfernung von mehr als einer Stunde verkohlte Holzstücke, ja auf den Näfelserbergen wurden angebrannte verkohlte Blätter von geschriebenen Büchern gefunden, auf denen noch einzelne Worte ganz deutlich gelesen werden konnten. Nebst diesen Trägern des Feuers, waren es namentlich die hölzernen Gesimse um die Dächer der Häuser herum, welche der Ausbreitung des Feuers Vorschub leisteten. Diese Gesimse fanden sich vorzüglich an neuen Häusern und waren jeweilen mit Oelfarbe angestrichen. Wie nun die Flammen vom Winde gepeitscht ein solches Gesimse erreichten, fing es sogleich Feuer und theilte dasselbe dem Dachstuhl mit. Diesem Umstande ist es auch zuzuschreiben, dass die Grosszahl der Gebäude, ja beinahe alle, im Dachstuhl zu brennen anfingen und dann von oben nach unten niederbrannten. Dass auch die fürchterliche Hitze, welche durch die grosse Feuer- und Glutmasse erzeugt wurde, namentlich da, wo die Gebäude enge zusammenstunden, nicht wenig zur Entzündung noch nicht ergriffener Gebäude beitrug, darf wohl kaum gesagt werden. Vielmal sah man aus dieser Ursache, ohne dass man eine sichtbare Berührung mit anderm Feuer wahrnahm, Feuer an Gebäuden aufgehen.
Anstrengung und Hülfeleistung zur Bewältigung des Brandes
Wie die Hülferufe und das Stürmen der Glocken und der augenblicklich hoch zum Himmel aufsteigende Feuerschein die Bewohner von Glarus und Umgebung aufschreckten, eilte Alles rasch und entschlossen der Brandstätte zu. Nach wenigen Minuten schon waren 6 Spritzen von Glarus in der Nähe der Brandstätte aufgefahren. Man suchte sie am Giessen und an dem durch die Hauptstrasse führenden Hohlgraben, der aus dem Giessen mit Wasser versehen werden konnte, zu platzieren. Wenn auch aus übergrossem Eifer, entsprungen durch die wahrgenommene grosse Gefahr, bei der Inbetriebsetzung der Spritzen im Anfang einige Verwirrung entstand, so währte es gar nicht lange, bis die ersten Spritzen ihr Wasser gegen das Feuer schleuderten. Aber jetzt schon zeigte sich die Ohnmacht der menschlichen Hülfsmittel. Durch die heftigen Windstösse wurden auch die kräftigsten Wasserstrahlen der Spritzen verwehrt und in Regenform aufgelöst, dass sie ganz wirkungslos zu Boden fielen. Zudem trieb der Wind, da die meisten Spritzen von Osten und Norden her gegen die Brandstätte sich des Wassers halber platzieren mussten, die Flammen zeitweise wie Schlangen und in solcher Masse gegen die Rohrführer, dass dieselben zurückweichen mussten. Keine Viertelstunde war mit diesem vergeblichen Abmühen des Löschens verflossen, so schlugen im Rücken der Spritzen, im Höfli, im Tigel und Sand die Flammen auf verschiedenen Dächern aus. Augenblicklich bevölkerten sich die flachen mit grossen Schindeln bedeckten Dächer mit Hülfeleistenden und in verzweifelten Versuchen, des Feuers Meister zu werden, mühten sich die Menschen auf`s Kühnste und Verwegenste ab. Da aber die steilen, mit kleinen Schindeln bedeckten Dächer nicht bestiegen werden konnten, von denen aus immer neuer Feuerregen über die rückwärts liegenden Dächer erfolgte, ja die Flammenzungen von diesen aus die andern Dächer selbst beleckten, so musste eine Position um die andere aufgegeben und verlassen und dadurch dem Feuer selbst mehr Raum eingeräumt werden. Dieser vergebliche Kampf und Rückzug auf den Dächern wiederholte sich mit wachsender Progression von einem Ende der Brandstätte zur andern. Diesem Kampf gegen das Feuer auf den Dächern ist es aber dennoch zu verdanken, dass die Quartiere Bolen, Oberdorf, Eichen und Langenacker erhalten werden konnten. Er wurde auch daselbst auf jedem Gebäude fortgesetzt und, da diese Quartiere nicht so compakt mit der Brandstätte zusammenhingen, auch zum grössern Theil nicht in der eigentlichen Windrichtung lagen, in Verbindung mit der später zu bezeichnenden Hülfe der Spritzen, siegreich bestanden. Kehren wir nun wieder zu den Glarnerspritzen zurück. Durch das furchtbar schnelle Umsichgreifen des Feuers veranlasst, zog sich ein grosser Theil der Löschmannschaft zurück um ihren eigenen Wohnungen zuzueilen, die sie vielfältig schon im vollen Brande stehend antrafen. Die andern, welche bei den Spritzen ausharrten, zogen mit Hülfe von Bürgern aus andern Gemeinden, dieselben zurück und suchten neue Standorte auf, um sie in Thätigkeit zu setzen. Aber kaum aufgestellt, war ihnen das nachrückende Feuer schon wieder in der Weise nahe, dass die Flucht neuerdings ergriffen werden musste. In diesem vergeblichen Kampfe war es so weit gekommen, dass Spritze Nr. 3 auf dem Adlerplatze, wo die Feuerströme der Hauptstrasse und des Sands zusammenstiessen, von der Mannschaft verlassen und den Flammen preisgegeben wurde. Die wackern Kommandanten von Spritze Nr. 4 wussten dieselbe nicht anders zu retten, als dass sie mit ihrer wenigen noch übrig gebliebenen Mannschaft selbe in den Giessen oberhalb des Stampfes stürzten. Die Theile welche aus dem Wasser hervorragten, verbrannten zwar, das Innenwerk aber wurde erhalten. Spritze Nr. 1 wurde bis zu unters auf den Schützenplatz geflüchtet, daselbst sah man sich aber so vom Feuer eingethan, dass nur durch Schlagen einer Brücke über den Giessen mit Beihülfe auswärtiger hülfsmannschaft dieselbe aus der Brandstätte, und somit dem Berbrennen entzogen werden konnte. Spritze Nr. 2 und 5 konnten noch mit knapper Noth aus der Brandstätte gegen das Gemeindshaus hinaus geführt werden mit Hinterlassung der Schläuche und andern Zuthateb. Spritze Nr. 6 endlich wurde von der aus den obern Quartieren Eichen und Langenacker bestehenden Bedienungsmannschaft zum Schutze dieser Quartiere dorthin geführt, konnte aber wegen Mangel des Spritzenmeisters in Folge ihres etwas komplizirten Mechanismus nicht in Betrieb gesetzt werden. - Nachdem wir nun die vergeblichen Anstrengungen der Glarner Löschmannschaft und das Klägliche Ende ihrer Bemühungen betrachtet haben, wollen wir uns der Hülfe zuwenden, die von Aussen her herbeikam. Durch das volle Sturmgeläute, durch reitende Feuerboten, schneller aber noch durch den Feuerschein, war Kunde vom Unglück in Glarus in die andern Gemeinden des Kantons getragen. Von Kirchthurm zu Kirchthurm pflanzte sich der Hülferuf der Sturmglocken fort, so dass in möglichst kurzer Zeit die Gemeinden bis zu unters und hinterst im Lande allarmirt waren. Nur der Kerenzerberg hatte die ganze Nacht keine Kunde vom Brande in Glarus. Durch die Bergkette des Schilts war nach dieser Seite der Feuerschein verdeckt. Auch der Telegraph that seine Schuldigkeit. Der Zufall wollte, dass die Büreaux in Schwanden, Niederurnen und Rapperschwyl noch offen und besetzt waren. Von denselben aus wurden diese Ortschaften aufgeweckt und die Hülfszüge organisirt. Dieser Dienst war der letzte, den das Telegraphenbureau im Regierungsgebäude in Glarus leisten konnte, denn nur zu bald musste der brave Telegraphist sein Leben durch die Flucht retten. Bereits zur gleichen Zeit mit den Glarnerspritzen war die zu jeder Zeit dienstbereite Löschmannschaft von Ennenda und Ennetbühls mit ihren Spritzen in Glarus angelangt. Die erstere fasste Posto zu innerst auf der Abläsch am Giessen in der Weise, dass die einte Spritze der andern das Wasser nach dem Zaun lieferte. Dieser Mannschaft ist es vorzüglich zu verdanken, dass das Feuer sich nicht weiter westwärts von der ursprünglichen Brandstätte verbreiten konnte. Sie löschte besonders dieschon stark brennende Martische Apotheke und sicherte die andern Zaun- und Sandhäuser. Drei Tage und drei Nächte hielt die Mannschaft dieser wackern Gemeinde aus und arbeitete fast ununterbrochen fort. Es war ein regelrechter Ablösungsdienst organisiert. Die Spritze von Ennetbühls war zuerst in die Hauptstrasse beim Regierungsgebäude aufgefahren, musste sicher aber bald, wie die Glarnerspritzen von Punkt zu Punkt zurückziehen und kehrte, nachdem auch die Presse in Brand gerathen war, zum Schutze ihrer eigenen Gemeinde zur Fabrik von Hrn. Jenni und Comp. Zurück. Die Spritze von Riedern konnte diese Gemeinde nicht verlassen, weil der Föhn schon zu Anfang des Brandes brennende Gegenstände in Massen bis auf Riedern trug und die Gebäude daselbst nur durch Besetzen aller Dächer vor Entzündung bewahrt werden konnten. Eine Anzahl Bürger half aber getreulich beim Flüchten von Menschen und Habe in Glarus mit. Nach der Hülfsmannschaft von Ennenda und Ennetbühls rückten rasch die Mannschaften von Netstall, Mitlödi, Schwanden, Mollis, Näfels, Niederurnen mit ihren Spritzen an. Gegen Morgen war keine gemeinde des Kantons mehr, mit Ausnahme von Kerenzen, die nicht ihr Kontingent und ihr Löschapparat in Glarus hatte. Wenn auch dieses Einrücken in ungewöhnlich kurzer Zeit in Betracht der jeweiligen Entfernung statt hatte, so konnten doch alle diese spritzen nicht mehr in`s Innere der Brandstätte gelangen; dieselbe war schon unzugänglich geworden. Sie bildete nur ein zusammenhängendes Feuer. Ihre Aufgabe war daher vorgezeichnet, sie bestund lediglich darin: Die noch nicht ergriffenen Quartiere und Gebäude zu schützen und einzelnstehende Gebäude, die bereits Feuer gefangen, zu löschen und das weitere Umsichgreifen des Feuers zu hindern. Diese Aufgabe lösten sie redlich, oft fast mit übermenschlicher Anstrengung. Netstall, Mollis und Oberurnen wählten sich das Quartier Eichenbrunnen und Kipfe. Ihnen ist zu verdanken, dass das alte Zollhaus, das hohe Iselihaus, das Haus von Hrn. Hauptmann Fritz Trümpi und andere, die alle schon brannten, wieder gelöscht und der Eichen und Langenacker gerettet wurden. Die Mannschaft von Netstall mit ihrer bekannten Behendigkeit und Ausdauer und die kräftige Mannschaft von Mollis mit ihrem riesenmässigen Tagwenvogt an der Spitze, leisteten hier Unglaubliches. Die Mannschaft von Niederurnen war zur alten Maschine am Oberdorferbache vorgerückt. Sie gebot hier der weitern Ausbreitung des Brandes nach dem Oberdorfe auf ausgezeichnete Art Halt und rettete später vereinigt mit Rüti die 4 stehengebliebenen Häuser und 2 Ställe im Bolen. Bilten plazirte sich im hintern Bolen und half die dortigen Häuser retten. Näfels war bis zur Kanzel im bolen und später bis ins Sand hinab vorgedrungen. Dieser Mannschaft ist die Erhaltung der südlichen Reihe des Sandes und des äusserenRains zu verdanken. Einzelne Männer zeichneten sich hier durch unerschockenen Muth aus. Sie wurden aber redlich von den Ennendanerspritzen vom Zaun her unterstützt. Die Hülfsmannschaften von Mitlödi, Sool und Schwändi, Schwanden und beider Thäler nahmen ihren Standpunkt von der Abläsch über die Allmeind zum Gemeindshause und von da zu den Fabriken der HH. Joh. Heer und Gebrüder streiff bis zur Insel neben der Burg hinab. Zudem unterstützte eine Spritze aus dem Sernfthal Ennenda im Zaun und die Spritze von Rüti begab sich später zur Unterstützung von Niederurnen nach dem Bolen. Alle diese Korps, von denen sich namentlich Schwanden durch seine musterhafte Disciplin auszeichnete, thaten ihre Pflicht redlich. Ihnen ist die Rettung des grossen und eine Zeit lang sehr gefährdeten Allmeindquartiers, des Gemeindshauses, der Häuser von Metzger Oertli und Hrn. Hauptmann Hrch. Trümpi, der Fabriken von Joh. Heer und Gebrüder Streiff, des Inselquartiers und einiger Häuser auf der obern Presse nebst dem Stampf gelungen. Noch nicht 12 Uhr war es, als die Eisenbahn mit einem Extrazug die spritze und die Hülfsmannschaft von Rapperschwyl brachte. Die trefflich organisirte Truppe wurde sofort zur Unterstützung von Schwanden beim Gemeindshause plazirt. Diesem ersten Hülfszug der Eisenbahn folgten im Laufe der Nacht und des folgenden Tages noch mehrere und brachten die Hülfsmannschaften und Spritzen aus dem Gaster, Utznach, der March und den Zürcherbezirken Hinwyl und Uster, sowie von Mühlehorn und dem Sarganserlande. Sie wurden sofort jeweilen zur Abhülfe für erschöpfte Korps oder zum Vordringen in die Brandstätte, soweit es nach und nach möglich wurde, zur Tilgung der noch grössten Feuermasse beordert und verwendet. Am Morgen des 11. Mai mögen über 30 Spritzen und über 2000 Mann Hülfstruppen in Thätigkeit gewesen sein. Glücklicherweise fehlte es nirgends an Wasser. Die Wasserleitung vom Oberdorfbach nach dem Eichen der Oberdorfbach, Die Brunnenstube bei der Kanzel, der Giessen und der Gewirbskanal von Hrn. Joh. Heer alimentirten die massenhafte Spritzenaufstellung überall reichlich. Zudem kam, dass durch das Einstürzen des Häuser an der östlichen Seite der Hauptstrasse das Giessenbett theilweise ausgefüllt und das Wasser zum Austritt gezwungen wurde. Dadurch wurde die ganze untere Allmeind und die Gegend um das Gemeindshaus bis auf die Presse hinab unter Wasser gesetzt und das Aufstellen der Spritzen in allen Richtungen ermöglicht. Mit dem Morgen des 11. Mai hatte sich die grosse Feuermasse in der Brandstätte merklich gelegt. Viele Gebäude waren so rein ausgebrannt, dass das Feuer aus Mangel an Nahrung ausgehen musste. Andere waren zusammengestürzt und hatte das Feuer scheinbar erstickt. Die grossen Gebäude aber und namentlich einige Haufen Bauholz auf dem Schützenplatz und auf einem Zimmerplatz im Bolen, sowie die grossen Holzvorräthe beim Gerichtshausstall brannten noch gewaltig fort und bei jedem Windstoss flackte das Feuer an hundert Orten wieder in die Höhe. Durch das angestrengte Arbeiten während der Nacht, dem oft stundenweites schnelles Laufen vorangegangen war, zeigte sich am Morgen bei einem grossen Theil der Mannschaft sichtliche Erschöpfung, die oft durch ungewohnte Getränke nur noch vermehrt wurde. Vorsorge für warme Nahrung wurde deshalb angeordnet und dann der Dienst neuerdings organisirt. Dieses war um so nothwendiger, als im Laufe des Tages der Föhn wieder an Kraft zunahm und drohte, die Gluten neuerdings aufzujagen und zu verbreiten. Es wurden deshalb von verschiedenen Seiten Spritzen gegen die Mitte der Brandstätte vorgeschoben. Vom eichen drang man bis auf den Spielhof hinunter. Vom Schützenhaus her bis zum Bach und vom Zaun in der ausgebrannte Hauptstrasse bis zum Regierungsgebäude. Von der Presse gegen die Bank usw. Dazu wurden vorzüglich neben den freiwillig vorrückenden Spritzen die frisch angekommenen verwendet. Die Hauptaufgabe, die jetzt noch zu lösen war, bestund darin, da wo man in nicht zusammengestürzten Gewölben noch gerettete Gegenstände erhalten glaubte, die Glut zu dämmen und den Zugang zu ermöglichen, oder die von Zeit zu Zeit wieder auflebenden Flammen zu tilgen. Gegen Abend des 11. Mai wurden ein Theil der Spritzen und Hülfskorps, namentlich der entferntern Gemeinden entlassen und die andern zum Nachtdienst organisirt. Gegen Abend erhob sich der Föhn wieder mit neuer Macht. Dadurch kam neuer Schrecken in die Bewohner der um die Brandstätte gebliebenen Wohnungen, der noch bei Einbruch der Nacht dadurch vermehrt wurde, weil in der Dunkelheit die Glutmassen und einzelne Feuersäulen wieder grössern Schein verbreiteten.. Trotz Abmahnen wurden in den Häusern bei der Kanzel, im Eichen und andern Orten neuerdings die Hausgeräthe auf das Feld hinausgetragen. Schon im Laufe des Tages vom 11. Mai und dann am 12. trafen Abordnungen von den Regierungen von Zürich, St. Gallen, Graubündten, Schwyz und von den Städten Zürich, Chur und St. Gallen, sowie der Direktor der Kreispostdirektion und der Betriebschef der Eisenbahndirektion ein, welche Hilfe und Trost mit Wort und that brachten. Auch aus allen gemeinden de Landes und aus vielen Gemeinden der benachbarten Bezirke der Kantone St. Gallen und Schwyz und mehreren Bezirken des Kantons Zürich fanden sich Vorsteher ein mit den freundlichsten und umfassendstejmHülfsanerbietungen. Doch da die Beschreibung der so überreichen eidg. Hülfe und Thätigkeit nicht in unsere Aufgabe fällt, sondern schon im Berichte des Hülfskomitees niedergelegt ist, so wollen wir sie hier nicht weiter verfolgen. Nur das ist noch zu erwähnen, dass in Folge des so freundeidgenössischen Anerbietens des Deputatschaft der Stadt Zürich von daher 2 Spritzen mit Mannschaft requirirt wurden, die am Sonntag zur Ablösung anderer Spritzen eintrafen und zwei volle Tage in Aktivität gesetzt wurden. Die Nacht vom 11. auf den 12. war ruhig verflossen. Die Spritzen wurden zwar fortwährend in Bewegung gehalten, da der unaufhörliche Föhn immer und immer die Glut anfachte und zur Flamme steigerte. Am 12., als am Sonntag, waren den Tag über immer noch eine Anzahl Spritzen in Bewegung. Gegen Abend stürmte der Föhn mit neuer Wuht daher. Zum dritten Mal wurde aus vielen Häusern nächst der Brandstätte ausgezogen. Für die Nacht war der gleiche Sicherheitsdienst mit den Spritzen wie am 11. organisirt. An diesem tage brachte die Eisenbahn Tausend und Tausend Menschen aus allen Gauen der Schweiz nach Glarus, die mit Grauen und Schrecken durch den Anblick des zerstörten Glarus erfüllt in ihre Heimat zurückkehrten. Alle versicherten das Unglück grösser und schrecklicher gefunden zu haben, als sie es sich vorgestellt hätten. Auch die Nacht vom 12. auf den 13. war ohne weitere besonder Ausbrüche des Feuers vorübergegangen. Am 13. Mai endlich hörte der schreckliche Föhn zu wehen auf und es fiel etwas Regen., wobei eine Masse zu Kalk gebrannter Steine durch das hinzugekommene Wasser sich unter lautem Geprassel öffneten und zu Staub verfielen. Mit diesem Umschlagen des Wetters verminderte sich die Gefahr vor neuen Ausbrüchen und weitere Verbreitung des Feuers in der Weise, dass alle auswärtigen Spritzen, mit Ausnahme derjenigen von Zürich, entlassen werden konnten. Am 14. nahmen auch diese den Abschied, nachdem noch zuvor zwei Spritzen der Gemeinde Glarus wieder in Gebrauch gesetzt und mit Mannschaft versehen und auch eine Bürgerwache organisirt worden war. Unvergesslich wird es jedem Glarner bleiben, wie alle diese Hülfskorps, ohne Ausnahme, sowohl die aus dem eigenen, als audie aus den benachbarten Kantonen sich mit einer Aufopferung und Hingebung ihrer Aufgabe unterzogen, die ohne Bespiel dasteht. Zwei Spritzen mussten noch Wochen lang hin und wieder in Anwendung gebracht werden, indem die Glutmasse und die Hitze unter dem Schutt fortwährend, namentlich bei grössern Gebäuden, noch so stark war, dass die Aufgrabung derselben nur durch zeitweiliges Spritzen ermöglicht werden konnte. Ein auffallendes Beispiel, wie lange sich Feuer und Glut unter Schutt und Asche erhält, lieferte das Zwickihaus, wo beim Graben der Fundamente zum neuen Hause am 26. November, also nach vollen 28 Wochen und 4 Tagen, noch starke Glut sich vorfand, die vorzüglich von den daselbst verbrannten massenhaften Leinwandballen herrührte. Mit diesem wollen wir den Abschnitt über die Hülfe während dem Brand schliessen. Die später thatsächliche Hülfe auf der Brandstätte fällt in die Periode nach dem Brand.
Flüchten und Retten der Menschen und ihrer Habe
Bei der unglaublich schnellen Verbreitung und grossen Ausdehhnung des Brandes konnte keine Rede sein, einen geordneten Rettungsdienst zu organisiren. Jede Familie war so zu sagen auf sich selbst angewiesen. In der Grosszahl der Fälle war der Verlauf so, dass die von der Brandstätte zurückkehrenden Männer, der sie zuerst nach Pflicht und ohne weitere Besorgnis für eigene Heimwesen zugeeilt waren, schon ein brennendes Haus und jammernde rathlose Frauen und Kinder antrafen. Mit aller Kraft wurden sodann gewöhnlich noch verzweifelnde Löschversuche angestellt und wenn man sich von der Fruchtlosigkeit derselben überzeugt hatte, so wurden die Kinder, die greise oder allfällige Kranke, oder in Ermangelung solcher ein Stück Hausgeräthe aufgeladen und auf dem nächsten Wege das Freie gesucht. Die Bewohner der Häuser, welche mehr der Grenze der Brandstätte zulagen, hatten einen bedeutenden Vorsprung vor denen, die dagegen mehr im Innern derselben ihre Wohnungen hatten. Erstere konnten oft wiederholte Gänge nach ihren brennenden Wohnungen machen, während Letztere oft kaum, wie wir bald sehen werden, das nackte Leben davon bringen konnten. Einige, namentlich an der Hauptstrasse in den grossen, früher für feuerfest gehaltenen Häusern, flüchteten ihre beste Habe in die gewölbten Keller, wo sie aber, da dieselben grösstentheils nur hölzerne Thüren besassen, später auch den Flammen anheim fiel. Andere wählten sich zur Ablagerung des Geretteten zu nahe Stellen aus, wo es dann ebenfalls von dem Feuer ergriffen und verzehrt wurde. So verbrannten eine Masse geflüchteter Hausgerähte auf dem evangelischen Friedhof, in den Gärten zwischen dem Schützenplatz und der Presse und andern Orten mehr. Einige retteten Bücher und Kleinere Sachen dadurch, dass sie dieselben in den Gärten in die Erde gruben. Viele Andere, besonders solche, welche für Kinder und hülflose Personen zu sorgen hatten, konnten sich nicht anders helfen, als dass sie einiges Bettzeug und Hausgeräthe durch die Fenster auf die Strasse warfen, wo es entweder verbrannte, oder von Vorbeieilenden weggetragen wurde. Das Sammeln und das Zuscheiden von solchem herrenlosen Gute an die Eigenthümer nahm nach dem Brande die Thätigkeit der Behörden vielfältig in Anspruch. Wir sagten oben, dass die meisten Familien auf sich selbst angewiesen waren. Einzelne hingegen hatten sich aber auch der Hülfe von Verwandten und Bekannten aus benachbarten Gemeinden zu erfreuen. Aber auch in diesen Fällen konnte wegen Kürze der Zeit gar wenig gerettet werden. Von eigentlicher Rettung eines grössern Theiles der Habe konnte nur in den Häusern die Rede sein, welche erst nach Mitternacht in den Flammen aufgingen. Aus der Kirche konnte der Kirchenschatz der Katholiken gerettet werden. Der alte, ehrwürdige Kaplan Stähli hatte mit grosser Aufopferung die Rettung geleitet. Auf den Kanzleien des Gerichtshauses und des Regierungsgebäudes verbrannten zwar werthvolle Bücher und Skripturen, aber die Hauptsache konnte doch gerettet werden. Glücklicherweise fand man das Landesarchiv in dem gewölbten Erdgeschoss des Gerichtshauses unversehrt. Dadurch können jene ehrwürdigen Ueberbleibsel einer ruhmreichen Vergangenheit jene Banner und Fahnen, welche unsere Väter in ihren Kriegen gebrauchten, auch noch unsern Nachkommen zurückgelassen werden. Auch die Pfarrarchive wurden gerettet, da die Pfarrhäuser hinter der Kirche erst gegen Mitternacht sich entzündeten. Bis jetzt haben wir die Fälle gezeichnet, wo der Zweck, Rettung wenigstens des Lebens, erreicht werden konnte. Wir müssen nun aber, wenn auch ungern, unsere Blicke auf jene Trauer- und Jammerscenen lenken, wo Menschenleben gefährdet waren, ja vernichtet wurden. Der eigentliche Mittelpunkt der Brandstätte befand sich von der Kirche südwärts der Hauptstrasse nach bis zum Soolerbogen. Hier durchkreuzten sich, wie wir schon oben gezeigt, die Feuerströme von allen Seiten. Nordwärts in der sog. Meerenge und südwärts beim sogen. Platz war die Hauptstrasse durch das Feuer ganz abgeschlossen. Westwärts bildete das brennende Bachquartier und ostwärts das Stallquartier des Schützenhauses eine undurchdringliche Feuermauer. In dieser Gegend forderte das wüthende Element seinen Tribut an Menschenopfern und knickte Andern Gesundheit und Leben. Die Familie von Hrn. Krim.-Ger.-Präs. Dr. Joh. Trümpi, aus 5 Personen bestehend, hatte sich durch die Vorbereitungen zum Transport ihrer alten 80jährigen Mutter verspätet. Wie sie aus dem lichterloh brennenden Hause traten, waren die Ausgänge der Hauptstrasse nach allen Seiten gesperrt. Die Flammen trieben sie in`s Haus zurück und es blieb ihnen nur noch übrig, in einen gewölbten Keller zu flüchten. Zu ihnen gesellten sich noch Nachbarn, die ebenfalls den Ausweg nicht mehr finden konnten, namentlich Hr. Richter Kaspar Luchsinger und Frau, Metzger Matheus Brunner, Frau Hössli-Blesi, Hr. Handelsmann Jakob Kunderts Frau und Hr. Hauptmann Tanner von Herisau, der auf Besuch der Landsgemeinde nach Glarus gekommen war. Ein Neffe des Hrn. Präsidenten wagte sich wieder zurück auf die Strasse, um einen Ausweg durch das Feuer zu bahnen. Was ihm gelang, und der dadurch die Rettung der Eingeschlossenen bezweckte. Dieser junge Mann war nämlich der Sohn von Hrn. Strasseninspektor Schindler von Mollis; er suchte seinen Vater auf und derselbe bahnte sich gegen Morgen mit einigen entschlossenen Männern den Weg zum Verschluss und befreite die armen, unter Schutt und Trümmer halb erstickten und mit Brandwunden bedeckten Menschen. Mit Hrn. Schindler wagte sich auch Hr. Tanner wieder auf die Strasse. Ihm gelang es nicht durchzudringen, sondern wie wir bald sehen werden, fand er seinen Tod. Drei Personen der im Keller eingeschlossenen Gesellschaft erlagen in kurzer Zeit an den Folgender überstandenen Qualen, nämlich Hr. Präsident Dr. Trümpi, die alte Mutter und die Schwester des Präsidenten, die geschiedene Frau von Hrn. Strasseninspektor Schindler. Diese Letztere wurde, trotz des gelösten Ehebandes, von Hrn. Schindler bis zu ihrem Tode auf`s Liebevollste verpflegt. Andere hatten langwierige Krankheiten durchzumachen. Zu gleicher Zeit, wo sich die Familie Trümpi und Zugesellten in`s Kellergewölbe zurückzogen, befanden sich noch mehrere Personen in der Nähe und wollten sich durch das Durchgangsgewölbe nach dem Schützenplatz durchdrängen, zu ihnen kam auch wieder Hr. Hauptmann Tanner zurück. Unter dem Gewölbe selbst aber mussten schon zwei Personen, Hr. Hauptmann Tanner und Frau Hauptmann Luchsinger-Oertli, dem Qualm des Feuers erliegen, wo sie am zweiten Tage zur Unkenntlichkeit verkohlt und verbrannt aufgefunden wurden. Die andern 9 Personen, nämlich Schätzer Johannes Beglinger mit Frau und Sohn, Schuhhändler Jakob Heer mit Frau, zwei Kindern und Schwiegermutter und Jungfrau Elisabeth Trümpi vermochten noch mit ganz verbrannten Kleidern und Haaren bis in de Hof der Verwaltungskammer vorzudringen, woselbst sie ihr Leben nur dadurch retten konnten, dass sie sich in das daselbst befindliche grosse Brunnenbett des dasigen Doppelbrunnens warfen und bis gegen Morgen in diesem unfreiwilligen kalten Bade ausharrten. Trotzdem, dass sie bereits alle Minuten den Kopf unter Wasser tauchten, so waren doch Gesicht und Kopf mit Brandwunden bedeckt. Die Situation dieser zwei Gesellschaften war eine fürchterliche. Ihre Hülferufe begegneten sich, ohne einander zu sehen oder dass sie von einander Kenntnis hatten. In der Meerenge wohnte im Freuler`schen Hause im dritten Stock ein alter blinder Mann, Hr. Kaufmann Jakob Jenni, mit seiner ebenfalls betagten Frau und einer Köchin. Die Magd lud den Herrn auf den Rücken und entführte ihn glücklich dem Flammentod. Die Frau aber, die ihnen bis vor das Haus gefolgt war, kehrte nochmals in dasselbe zurück, um etwas Vergessenes zu holen, fand dann aber den Tod in den Flammen. Ihr ganz zusammengebrannter Leichnam wurde wenige Schritte vom Hause entfernt, drei Tage nach dem Brand aus dem Schutte hervorgegraben. Auch die Magd von Hrn. Ratsherr Luchsinger, Dorothea Kaufmann und ihr Bräutigam Gottlieb Zürn, die beim Flüchten der Herrschaft noch im Hause zurückblieben, kamen nie mehr zum Vorschein. Weitere Menschenleben gingen glücklicherweise nicht verloren. Die Folgen des Brandes und damit verbundenen Schreckens und einer oft übermenschlichen Anstrengung äusserten sich wie begreiflich in nachher davon entstandenen Krankheiten, die nicht selten den Tod zur Folge hatten. Dahin zählen wir namentlich auch den Verlust von Hrn. Landammann Cosmus Blumer und Hrn. Rathsherr Christoph Ris. Nicht darf unerwähnt bleiben, dass der noch als Reconvalescent schon am 11. Mai im Auftrage der Regierung von Zürich eingetroffene Hr. Staatsbaumeister Oberst Locher durch seine eingreifende Thätigkeit und Anstrengung beim Löschen und dem darauf folgenden Niederreissen der Ruinen höchst wahrscheinlich die Ursache seines so schnellen Todes in Glarus geholt hat. Brandwunden und Wunden von stürzenden Gegenständen waren noch vielfältig vorgekommen, ebenso dass hundert von Personen mit Mühe ihre brennenden Kleider löschen konnten, oder dass ihnen das auf dem Rücken fortgetragene Hausgeräthe theilweise auf dem Körper verbrannte. Alles dieses kann aber hier nicht weiter ausgeführt werden. Die der Brandstätte Entflohenen zogen sich in umliegende Wiesen und Saatengüter zurück. Die Güter Höhe und Winkel, das Linthwuhr, sowie die Güter Erlen, Felder und Bolen waren mit Gruppen solcher Unglücklichen bedeckt, die in allen möglichen Kostümen um die wenige gerettete Habe sich gelagert hatten. Herzzerreissende Auftritte kamen hier vor, Mütter irrten jammernd und wehklagend herum um ihre verlorenen Kinder zu suchen. Kinder weinten um ihre Eltern. Andere trösteten und pflegten Verwundete und Kranke. Wieder andere waren vor Erschöpfung in schlaf verfallen und schreckten mit gellenden Schreckensrufen jäh daraus empor. Viele auch starrten stumpfsinnig und theilnamslos mit stierem Blick nach dem Feuer, das ihre Habe verzehrte. Doch wer will sie schildern, alle jene Auftritte des Jammers und der Verzweiflung, die aber auch wieder abwechselten mit herzerbebenden Scenen des Wiederfindens von Verlorengeglaubten oder mit Trostspendung von Menschenfreunden, die aus den benachbarten Gemeinden zahlreich herbeiströmten, um die Obdachlosen zu sich einzuladen und abzuholen. In grellem, furchtbar schönem Kontraste gegen die Verheerungen in der Unglücksstätte und den Bildern des Elends der Geflüchteten, stieg einer der schönsten Frühlingsmorgen herauf. Kaum waren die Berge von dem Feuerschein erblasst, so rötheten sich dieselben wieder von der föhnhaften Sonne, die majestätisch an den Bergen entspang. Dazu jubilirten die Vögel mit ihrem Morgengesang in den frischbelaubten Bäumen, unbekümmert und nicht ahnend des Elends der Menschen. Dieser Widerspruch zwischen der Natur und den Gefühlen der Menschen vermehrte zuerst bei Manchem das Weh in der Brust, führte dann aber die Gedanken zu Dem hin, der Wunden schlägt und wieder heilt. Früh am Vormittag des 11. waren schon alle Obdachlosgewordenen untergebracht. Unvergesslich wird es Jedem bleiben, der es miterlebt, wie herzlich und freudig die Einladungen zur Aufnahme von allen Seiten erfolgten. Auch der Aermste wurde nicht vergessen. Dass in dieser Schreckensnacht eine grosse Zahl von Hausthieren, namentlich Vögel, Hunde und Katzen den Feuertod erleiden mussten, darf wohl kaum gesagt werden. Auch einige Ziegen und Schweine gingen verloren. Dagegen konnten alle Pferde und die wenigen Kühe, welche im Umfange der Brandstätte gehalten wurden, gerettet werden.
Umfang und Werth der Zerstörung
Am Morgen des 11. Mai war das so blühende und ansehnliche Glarus eine Ruine geworden. Vom Körper war der Rumpf in einen Stein- und Aschenhaufen verwandelt und nur noch die Extremitäten, als vereinzelte abgelöste Stücke vorhanden. Schrecklich war der Anblick der noch rauchenden Trümmer. Gespenstig stunden sie da, die ausgebrannten Mauern der hohen Häuser und öffentlichen Gebäude. Den leeren Augenhöhlen eines Todtenschädels gleich, grinsten die Fensteröffnungen aus den geborstenen Mauern auf den Wanderer nieder. Ausgebrannt und geborsten, alles überragend streckte der tausendjährige Kirchthurm seine 2 Giebelmauern, gleich einer zerrissenen Bischofsmütze, jammernd gegen Himmel, zu Füssen die theilweise eingestürzten Mauern der 384 Jahre alten Kirche. Eine einzige Nacht hatte hingereicht, eine Brandstätte von unglaublicher Ausdehnung zu bilden. Von der Abläsch bis zum Zollhaus zog sich die nun überall verschüttete Hauptstrasse in einer Länge von 2,280 Fuss und von West nach Ost hatte sie eine Breite von 1,500 Fuss. Es waren in Schutt und Asche gesunken : 1) Die Kirche. 2) Das im Jahr 1560 erbaute Gerichtshaus. Dieses Gebäude war schon an der Landsgemeinde 1853 abgebrannt, seither aber wieder aufgebaut und mit einem angehängten Gefängnisbau versehen worden. In beiden Brandfällen bewährte sich sein gewölbtes Erdgeschoss, in dem die Landesarchive aufbewahrt waren, glücklicherweise als feuerfest. 3) Das im Jahr 1837 erbaute Regierungsgebäude. 4) Das Wachthaus. 5) Die zwei evangelischen und die zwei katholischen Pfarrhäuser. 6) 257 Wohnhäuser mit eigenem Eingang, 409 einzelne Wohnungen enthaltend. 7) 332 andere Gebäude, worunter viele Ställe, Magazine, Mühlen, Ziegerreiben, Waschhäuser usw. Im Ganzen waren 593 Firsten abgebrannt, welche 619 Assekuranznummern ausmachten, wobei die Gartenhäuschen und andere kleine Gebäude nicht gerechnet sind. Der Anblick und die Ausdehnung machte auf jeden Besucher einen tiefen, erschütternden Eindruck. Wir sahen von den durch die Eisenbahn so zahlreich herbeigeführten neugierigen nicht nur Frauen, sondern viele Männer Thränen vergiessen, wenn sie von der Burg oder dem Tschudirain aus die Brandstätte überblickten. Einen wehmütigen Anblick boten nebst den vielen verbrannten Bäumen besonders die zahlreichen noch immerfort laufenden Brunnen dar. Die Gewalt des Feuers hatte den eisernen Leitungen keinen Schaden beizubringen vermocht und so entströmte den Röhren trotz ihrer schauerlichen Umgebung von Schutt und Stein und trotzdem, dass die hölzernen Brunnenstöcke halb abgebrannt und verkohlt waren, fort und fort der Strahl des Wassers. Die Strassen und Gassen waren überall mit Schuttmassen eingestürzter Häuser gesperrt und da auch die Betten des Giessens und des Oberdorferbaches da und dort aufgefüllt waren, so lief das Wasser, die Verwirrung noch vermehrend, da, wo es Wege fand. Die Gebäude waren auch durchweg so rein ausgebrannt, dass man bereits nirgends mehr angebranntes Holz wahrnahm. Die von der Stadt und Regierung von Zürich abgeordneten HH. Oberst Wolff und Locher behaupteten nach Durchwanderung der Brandstätte, dass nicht mehr 20 Klafter Holz zusammen gefunden werden könnten. Der Werth des Schadens an Gebäuden und Mobiliar wurde bei der Schadenaufnahme auf ca.......9 700 000 Fr. von den Betheiligten angegeben. Durch die vom Hülfskomite niedergesetzte Revisionskommission wurde derselbe dahin reduziert, dass für die Gebäude 4 590 989 Fr. und für Mobilien 4 117 593 Fr. angesetzt wurden. Rechnet man aber dazu de Schaden an Strassen, Bäumen, Gärten, dem Fried, den Brunnen usw., sowie dass von Manchem offenbar der Schaden nicht richtig berechnet werden konnte und zu niedrig taxiert worden war, so darf angenommen werden, dass die Summe von 10 000 00 Fr. noch unter dem wirklichen Werthe steht. Obdachlos durch den Brand waren geworden 2,257 Personen. Diese Personenzahl steht zwar in keinem richtigen Verhältnis zu der Zahl der abgebrannten Häuser und Wohnungen, rührt aber daher, weil namentlich an der Hauptstrasse die grössern Häuser oft nur von 3 bis 4 Personen bewohnt waren.
Verhalten der Behörde während dem Brand
Zur Zeit des Brandes bestund der Gemeinderat aus folgenden Mitgliedern: Hrn. Gemeindepräsident Dr. Niklaus Tschudi, Hrn. Rathshr. Kaspar Kubli, Hr. Appellationsgerichtspräsident Ständerath Dr. Joh. Jakob Blumer, Hrn. Rathshr. und Verhörrichter Josua Staub, Hrn. Rathshr. und Civilrichter Kaspar Luchsinger, Hrn. Rathshr. und Civilrichter Jakob Reust, Hrn. Rathshr. und Civilrichter David Marti, Hrn. Oberst und Gemeindrath Joh. Jakob Streiff-Schindler, Hrn. Gemeindrath und Vermittler Johannes Simmen, Hrn. Gemeinderath Peter Zweifel, Hrn. Gemeinderath und Polizeivorsteher Hilarius Luchsinger, Hrn. Gemeindrath und Tagwenvogt Michael Iselin, Hrn. Verwalter Balthasar Glarner und Hrn. Gemeindschreiber Kaspar Kubli. Von den 12 Mitgliedern des Gemeindrathes waren nur 4 vom Brande verschont geblieben, die Häuser der Andern waren auch in Asche gesunken. In der Brandnacht konnte daher nicht davon die rede sein, dass diese Behörde irgendwie thätig handelnd auftreten konnte. Es Blieb den einzelnen Mitgliedern anheim gegeben, da wo sie gerade sich befanden, diejenigen Anordnungen zu treffen, die sie im Interesse des Ganzen hielten. Morgens um 6 Uhr, den 12. Mai, fanden sich die Mehrzahl der Gemeindrathsmitglieder auf Anordnen des Präsidenten auf dem Gemeindshause zusammen. Das Wiedersehen war ein trauriges. Jeder fühlte es tief, dass er nun, anstatt eine glückliche Gemeinde zu verwalten, berufen sei, einer niedergeworfenen und in ihrem Lebensmark angegriffenen Gemeinde vorzustehen und dass all sein Trachten und Wirken dahin gehen müsse, dieselbe wieder aufzurichten. Allseitig suchte man sich zu ermuthigen zum schweren und undankbaren Werke. Die erste Sorge war ein Hülfskomite aufzustellen, das berufen war, für diese schwer betroffene Gemeinde Hülfe von Nah und Fern zu suchen. Diese erste Handlung war eine glückliche. Das aufgestellte Komitee zeigte sich in der Folge seiner Aufgabe vollkommen gewachsen. Seinem Wirken ist es zu einem grossen -theil zu verdanken, dass die Hülfe für Glarus in so grossartiger nie geschehener Weise floss. Das Hülfskomite wurde aus folgenden Herren gebildet: Hr. Pfarrer Joh. Heinrich Tschudi, Präsident; Hr. Rathshr. Jost Brunner; Hr. Fabrikant Rudolf Heer; Hr. Hauptmann Egidius Trümpi; Hr. Kaufmann Jakob Elmer-Streiff; Hr. Appellationsrichter Fridolin Streiff-Vital; Hr. Oberst Gabriel Trümpi; Hr. Rathshr, Josua Staub; Hr. Major Kaspar Jenni und Hr. Gemeindrath Peter Zweifel. Da Hr. Hauptmann Trümpi die Sitzungen nicht besuchte und die Geschäfte immer grösser wurden, so wurde bald darauf dasselbe noch ergänzt durch Hrn. Präsident Dr. N. Tschudi; Hr. Rahtshr. Kaspar Kubli, Hr. Präsident Dr. J. J. Blumer und Hr. Rathshr. Jakob Reust. Die zweite Aufgabe, die der Gemeindrath an jenem Unglücksmorgen hatte, war für die Erfrischung der Hülfskorps zu sorgen. Diese Aufgabe wurde ihm aber dadurch wesentlich erleichtert, weil die Grosszahl derselben von ihren eigenen Gemeinden aus verproviantirt und unterhalten wurden, und auch Privaten vielfältig die in ihrer Nähe befindlichen Hülfsmannschaften mit Nahrung versorgten. Ueber die weiter entfaltete Thätigkeit der Gemeinds- und Landesbehörden, um die Folgen des unglücklichen Brandes zu heben, wird hier deshalb nicht eingetreten, weil sie der folgenden Periode anheimfällt.
Ursache des Brandes
Wie und auf welche Art das Feuer im Oekonomiegebäude des Hrn. Rathshr. Christoph Tschudi entstanden war, konnte nie mit Bestimmtheit ausgemittelt werden., trotzdem dass eine einlässliche und strenge Untersuchung darüber geführt wurde. Nur das stund fest, dass das Feuer im Innern des Gebäudes ausbrach und nicht von aussen her angelegt ward. Im Publikum trug man sich mit zwei Versionen über die Entstehungsart. Einmal, dass dasselbe durch Fahrlässigkeit eines halb verrückten, betrunkenen Arbeiters entstanden sein sollte, oder, dass dasselbe von einem in den Stall gebrachten noch heissen Glättofen hergerührt habe. Da für die letztere Annahme durch die Untersuchung gar kein Indicium zu Tage gefördert, sondern gegentheils nachgewiesen wurde, dass ein solcher transportabler Glättofen nicht existirte, so fällt sie weg und es bleibt nur die Erstere, wofür aber auch jeder rechtliche Beweis mangelt und alles auf Voraussetzung beruht. Auf den Gliedern der Familie Tschudi ruhte nie Verdacht und auch die Untersuchung konstatirte ihre Unschuld vollständig. Schliessen wir also diesen Abschnitt mit der Bitte zu Gott, dass er jede Gemeinde und jeden Menschen gnädig vor solcher Heimsuchung schützen und bewahren möge. Für die, welche die Brandnacht vom 10./11. Mai miterlebt und durchgemacht haben, wird sie unauslöschlich in ihrem Geiste bis ans Ende ihrer Tage eingeprägt bleiben.